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01 Mar 2011, Posted by Eric Karstens in Internet, Media Policy, Reviews, 0 Comments

Theo Röhle: Der Google-Komplex. Über Macht im Zeitalter des Internets – Jan-Felix Schrape: Neue Demokratie im Netz? Eine Kritik an den Visionen der Informationsgesellschaft – Rainer Winter: Widerstand im Netz. Zur Herausbildung einer transnationalen Öffentlichkeit durch netzbasierte Kommunikation (Sammelrezension)


Theo Röhle: Der Google-Komplex. Über Macht im Zeitalter des Internets. Bielefeld: transcript 2010, 261 S., ISBN 978-3-8376-1478-7, € 24,80 (Zugl. Dissertation am Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft der Universität Hamburg, 2010)

Jan-Felix Schrape: Neue Demokratie im Netz? Eine Kritik an den Visionen der Informationsgesellschaft. Bielefeld: transcript 2010, 245 S., ISBN 978-3-8376-1533-3, € 27,80 (Zugl. Dissertation an der Philosophischen Fakultät I der Universität Regensburg, 2009)

Rainer Winter: Widerstand im Netz. Zur Herausbildung einer transnationalen Öffentlichkeit durch netzbasierte Kommunikation. Bielefeld: transcript 2010, 165 S., ISBN 978-3-89942-555-3, € 18,80

Die Debatte um den politischen Einfluss des Word Wide Web, darunter vor allem der sogenannten ,sozialen Medien‘ bzw. des ,Web 2.0‘ hat in den vergangenen Jahren stark an Fahrt aufgenommen. Eine größere Öffentlichkeit wurde aus Anlass des Obama-Wahlkampfs 2008 auf das Thema aufmerksam, und 2009 machten die Web-basierten Proteste gegen die Wiederwahl des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad weltweit Schlagzeilen. Parallel ist vornehmlich in technischen und juristischen Fachkreisen eine intensive Diskussion um Datenschutz, Urheberrechte, Netzneutralität, Internet-Infrastruktur und die Dominanz bestimmter Anbieter wie Google und Facebook entbrannt.

Die Umwälzungen in der arabischen Welt seit Ende 2010 rücken die Fragen nach Macht, Widerstand und Demokratie im Netz erneut ganz oben auf die internationale politische Agenda. Die hier besprochenen drei Bücher sind ein erfreulicher Beleg dafür, dass die Wissenschaft in Deutschland die Debatte über Internet-Politik rechtzeitig aufgenommen hat und damit eine genuin europäische Perspektive auf das sonst vielfach US-amerikanisch dominierte Feld entwickelt. Ebenso lobenswert ist der Umstand, dass sich nicht mehr nur Informatiker und Juristen an der Diskussion beteiligen, sondern endlich auch Kultur- und Politikwissenschaftler.

Theo Röhle liefert mit seiner Dissertation über den Google-Komplex entscheidende Grundlagen für eine informierte Auseinandersetzung mit dem Thema. Er erläutert ebenso fundiert wie verständlich die Funktionsweise von Suchmaschinen im Allgemeinen und Google im Besonderen und spart dabei weder die zugrundeliegenden Geschäftsprinzipien noch technische Tricks und Kniffe aus. Stets fragt Röhle danach, wie die jeweiligen Verfahren die Aufbereitung von Informationen beeinflussen und wie sie sich auf individuelle Suchmaschinen-Nutzer sowie das gesellschaftliche Informationsklima auswirken.

Beispielhaft sei dafür die Analyse der Beziehung zwischen Google und den Suchmaschinenoptimierern genannt, also jenen, die Googles Algorithmen gezielt in ihrem Sinne zu beeinflussen versuchen. Google gibt den Gestaltern von Websites umfassende Anleitungen und Werkzeuge an die Hand, wie sie ihre Angebote suchmaschinenfreundlich gestalten können und Google dadurch letztlich die gewinnbringende Platzierung von Internet-Werbung erleichtern. Gleichzeitig ahndet der Suchmaschinenanbieter den Missbrauch solcher Methoden – im Zweifel schlicht dadurch, dass eine Website automatisiert aus den Suchergebnissen ausgeblendet und so für die Masse der Internet-Nutzer praktisch unauffindbar wird. Derartige Sanktionen können aber durchaus auch Websites treffen, die legitime Gründe haben, Googles Regeln nicht zu befolgen. Röhle diplomatisch dazu: „Eine Charakterisierung dieser Machtverhältnisse als demokratische Teilhabe erscheint aufgrund der Intransparenz der Entscheidungen auf der Ebene der Regelerstellung nicht plausibel.“ (S.98)

Ähnlich differenzierte und kenntnisreich begründete kritische Schlussfolgerungen über die Machtverhältnisse in der Google-Welt arbeitet Röhle anhand einer Vielzahl relevanter Kriterien und Funktionen heraus, mitunter bis an die Grenze zur Spitzfindigkeit. Da das Beispiel Google in der Regel jedoch vor allem zur Illustration bestimmter allgemeiner Techniken und Herangehensweisen dient, lässt sich sein Buch bereits jetzt als emanzipatorisches Standardwerk über Macht, Manipulation und die Situation von Nutzern in der Online-Gesellschaft lesen und bildet ein unverzichtbares Gegenstück etwa zu Jeff Jarvis‘ apologetischem Bestseller What Would Google Do? (New York 2009).

Auch Jan-Felix Schrape tritt in seiner Dissertation über die neue Demokratie im Netz an, gängige Thesen über das Internet und das Social Web einem Reality Check zu unterziehen. Hilft das Netz, so fragt er, tatsächlich dabei, gesellschaftliche Veränderungsprozesse durch breite aktive Partizipation der Bevölkerung in Gang zu setzen und das Modell des Politik-Machens ,von oben‘ abzulösen? Zur Beantwortung dieser Frage zieht er in erster Linie empirische Methoden in Gestalt einer Reihe von quantitativen Umfragen und Studien heran, darunter Daten des EU-Statistikbüros Eurostat, die regelmäßige ARD/ZDF-Onlinestudie und die Typologie der Wünsche Intermedia, eine der wichtigsten marketingorientierten Konsumentenbefragungen in Deutschland.

Er kommt zu dem Schluss, dass „die Möglichkeit einer vollständigen Substitution der [hergebrachten, E.K.] Massenmedien durch ‚demokratischere‘ Publikations- und Selektionsprozesse im Netz […] sowohl von den Online-Pionieren als auch von den Web 2.0-Evangelisten herbeigeschrieben“ worden sei (S. 206), sich aber in der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht oder allenfalls geringfügig belegen lasse.

Schrapes Arbeit ist vor den Ereignissen in Tunesien und Ägypten entstanden, und die internationale Debatte über die Rolle des Internets und der sozialen Medien in diesen und anderen Umwälzungen ist noch lange nicht entschieden. Skeptiker wie Evgeny Morozov (The Net Delusion, New York 2011) oder Andrew Keen (The Cult of the Amateur, New York 2008) tragen darüber einen heftigen Streit etwa mit den Online-Aktivisten im Umkreis des Berkman Center for Internet and Society in Harvard aus. Doch ungeachtet seiner berechtigten Relativierung greift Schrapes letztlich retrospektiver Ansatz zu kurz, denn wir befinden uns, wie er selbst einräumt, „noch immer in der Frühzeit der Online-Techniken“. (S.216) Aus dem derzeitigen Medienverhalten einer Bevölkerungsmehrheit lassen sich zwar Erkenntnisse über den aktuellen Entwicklungsstand gewinnen, jedoch nur schwerlich Schlussfolgerungen über die Tauglichkeit des Mitmach-Netzes für die zukünftige Weiterentwicklung der Demokratie ziehen. Trotz durchaus weitreichender theoretischer Herleitung leiden die Ergebnisse der Arbeit daher an ihrer zu positivistischen Datenbasis und daran, dass sie lediglich auf der Meta-Analyse bereits existierender Studien beruhen.

Anders bei Rainer Winter, bei dessen Buch es sich um die stark überarbeitete Fassung einer bereits 2004 erstellten Studie im Auftrag des Deutschen Bundestages handelt. Zwar ist Winter zweifellos den Netz-Aktivisten zuzurechnen, doch entfaltet er auf der Basis des Cultural-Studies-Ansatzes eine differenzierte Darstellung der Rahmenbedingungen eines politisch wirkungsmächtigen partizipativen Internets. Dabei verschließt er weder die Augen vor der immer noch beachtlichen Zahl von ,Nonlinern‘, noch vor verbreiteten Defiziten in Sachen Medienkompetenz oder der zunehmenden Fragmentierung, die durch den langsamen Wandel weg von klassischen Massenmedien entsteht.

Das Internet, so sein Fazit, erlaubt gleichwohl „die Artikulation unterschiedlicher alternativer Stimmen, Positionen und Perspektiven“ durch „marginalisierte, indigene und minoritäre Individuen und Gruppen, aber auch soziale und künstlerische Bewegungen.“ Dabei gebe es freilich „nicht das Internet, sondern unterschiedliche Artikulationsweisen, die ihren Ursprung offline haben“ (S. 144).

In diesem Zusammenhang interessiert er sich besonders dafür, wie Nichtregierungsorganisationen und andere aus Betroffenen oder auch Fans bestehende Gruppen eine transnationale politische Öffentlichkeit erzeugen – ein in dieser Form und Reichweite sicherlich neues Phänomen des Internet-Zeitalters. Die medienwirksamen Aktionen internationaler Organisationen wie z.B. von Greenpeace in den achtziger und neunziger Jahren erscheinen angesichts des heutigen grenzüberschreitenden Mobilisierungs- und Disseminationspotenzials online in der Tat geradezu bescheiden.

Der Charakter des Auftragsgutachtens ist dem schmalen Band allerdings auch nach der Überarbeitung erhalten geblieben. Winter geht es weniger um neue wissenschaftliche Erkenntnisse, als vielmehr um eine gründliche Bestandsaufnahme der Thematik (die sich auch in Form mehrerer, weitgehend überflüssiger Fallstudien äußert) und um die Ableitung konkreter Handlungsempfehlungen für die Politik.

Erschienen in Medienwissenschaft, H. 3/2011, S. 382-384

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01 Mar 2011, Posted by Eric Karstens in Reviews, Television, 0 Comments

Joan K. Bleicher, Barbara Link, Vladislav Tinchev: Fernsehstil. Geschichte und Konzepte (Rezension)


Das Buch, dem man seinen Werkstattcharakter deutlich anmerkt, wirft weit mehr Fragen und Desiderate zum Thema Fernsehstil auf, als es selbst beantworten kann.

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