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10 Jan 2011, Posted by Eric Karstens in Reviews, 0 Comments

Andreas Ettenhuber: Beschleunigung und Zäsuren im Fernsehprogramm (Rezension)


Andreas Ettenhuber: Beschleunigung und Zäsuren im Fernsehprogramm. Wann schalten Zuschauer um? Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft/Edition Reinhard Fischer 2010, 318 S., ISBN 978-3-8329-5649-3, € 29,00 (Zugl. Dissertation an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, 2009)

Anders als man zunächst vielleicht annehmen könnte, legt Andreas Ettenhuber mit seiner Münchner Dissertation keineswegs eine weitere Untersuchung zum Thema Audience Flow vor, also zur Frage des Umschaltverhaltens von Fernsehzuschauern im Umfeld von Werbeunterbrechungen oder zwischen verschiedenen Sendungen. Stattdessen widmet er sich einer bis dato wenig erforschten Fragestellung, nämlich inwieweit Schnitte, thematische und stilistische Wechsel innerhalb von Sendungen mit Umschaltbewegungen korrelieren. Um langfristige Tendenzen darstellen zu können, betrachtet er den Zeitraum von 1995 bis 2005 in insgesamt sechs Stichproben, die jeweils zwei Jahre auseinander liegen.

Dieser lange Beobachtungszeitraum bringt es mit sich, dass nur Formate in Betracht kommen, die durchgehend ausgestrahlt worden sind; eine Vermischung verschiedener Sendungen oder Genres hätte die Analyse leicht dem Vorwurf der Beliebigkeit ausgesetzt. Darüber hinaus hatte Ettenhuber erhebliche praktische Probleme zu bewältigen. Zum einen benötigte er Mitschnitte „historischer“ Sendungen, die nicht ohne weiteres zu haben sind. Insgesamt schränkte sich so die Auswahl auf die Mittagsmagazine und Hauptnachrichtensendungen sowie Boulevard-Magazine bei ARD, ZDF und RTL ein.

Zum anderen war er auf die Einschaltquoten der AGF/GfK-Fernsehforschung angewiesen. Obwohl es sich hierbei um methodisch gut abgesicherte und aufbereitete Daten handelt, die bereits seit Jahrzehnten erhoben werden, erweist sich die „Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung“ (AGF) aus politischen Gründen häufig eher als Forschungsverhinderer. Es ist deshalb der Medienforschung der ProSiebenSAT.1 AG hoch anzurechnen, dass sie diese Dissertation umfangreich unterstützt hat, und es wäre zu wünschen, dass sich mehr Sender um unabhängige Analysen dieser Art verdient machen würden.

Die zentrale Metapher von Andreas Ettenhubers Arbeit ist das „Tauziehen“ (S. 129), das sich Sender und Publikum liefern. Zuschauer versuchen mittels Fernbedienung eine größtmögliche Kontrolle über das Programmangebot zu gewinnen, während sich die TV-Veranstalter ihrerseits nach Kräften bemühen, die Zuschauer vom Umschalten abzuhalten. Dabei spielen inhaltliche und formale Strategien eine Rolle. Fernsehmacher versuchen z.B. Sendungen durch Wechsel von – in Ettenhubers Terminologie – „Stilformen“ wie Interview, Bildbericht oder Moderation abwechslungsreich zu gestalten und dem Publikum keine zu großen Aufmerksamkeitsspannen zuzumuten. Zusätzlich wird etwa mit schnellen Schnitten gearbeitet; in den hier untersuchten Formaten wechselte 2005 im Durchschnitt alle sieben Sekunden die Einstellung (vgl. S.237). Demzufolge war zu prüfen, ob diese ‚Kurzatmigkeit‘ die Zuschauer erfolgreich bindet, oder ob Zäsuren im Gegenteil Anlass zum Umschalten bieten.

Die aufwändige Untersuchung kann jedoch nur in geringem Maße signifikante Ergebnisse belegen. So stellt Ettenhuber zwar eine geringe Beschleunigung der Schnitthäufigkeit in seiner Sendungsauswahl fest, ebenso wie eine spürbar erhöhte Umschalthäufigkeit im Laufe des Untersuchungszeitraums. Eine klare Korrelation ist aber statistisch nicht nachweisbar. Es liegt daher eher der Schluss nahe, dass allgemeine Sehgewohnheiten und sendungsinhaltliche Faktoren das Zuschauerverhalten mindestens genauso stark beeinflussen wie strukturelle Sendungsmerkmale. Wie der Autor selbst einräumt (S. 242), müsste die psychologische Motivation des Publikums mit einbezogen werden, um gültige Erklärungsmodelle zu liefern.

Weitere methodische Limitierungen bringt die hier vorgenommene Genreauswahl mit sich. So könnte man argumentieren, dass gerade Nachrichten und Boulevardmagazine im Hinblick auf ihre redaktionelle Gestaltung relativ konstant geblieben sind. Innovationen im Fernsehprogramm fanden woanders statt, nämlich in Doku-Soaps, Reality-Serien und hybriden Show- und Casting-Formaten. Diese Innovationen sind überwiegend narrativer, jedoch nicht formaler Art: sie erreichen Zuschauerbindung durch spezielle Themenauswahl, voyeuristische Elemente, Wettbewerb zwischen Protagonisten und Verdichtung der Erzählzeit. Geändert haben sich auch Produktionsmethoden, vor allem im Bereich Kamera und Licht; das Handwerkszeug der Sendungszusammenstellung hingegen scheint, wie auch diese Dissertation belegt, weitgehend gleich geblieben zu sein.

Erschienen in Medienwissenschaft, H. 1/2011, S. 120-121