http://wordpress.karstens.eu/wp-content/themes/press

01 Mar 2011, Posted by Eric Karstens in Internet, Media Policy, Reviews, 0 Comments

Theo Röhle: Der Google-Komplex. Über Macht im Zeitalter des Internets – Jan-Felix Schrape: Neue Demokratie im Netz? Eine Kritik an den Visionen der Informationsgesellschaft – Rainer Winter: Widerstand im Netz. Zur Herausbildung einer transnationalen Öffentlichkeit durch netzbasierte Kommunikation (Sammelrezension)


Theo Röhle: Der Google-Komplex. Über Macht im Zeitalter des Internets. Bielefeld: transcript 2010, 261 S., ISBN 978-3-8376-1478-7, € 24,80 (Zugl. Dissertation am Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft der Universität Hamburg, 2010)

Jan-Felix Schrape: Neue Demokratie im Netz? Eine Kritik an den Visionen der Informationsgesellschaft. Bielefeld: transcript 2010, 245 S., ISBN 978-3-8376-1533-3, € 27,80 (Zugl. Dissertation an der Philosophischen Fakultät I der Universität Regensburg, 2009)

Rainer Winter: Widerstand im Netz. Zur Herausbildung einer transnationalen Öffentlichkeit durch netzbasierte Kommunikation. Bielefeld: transcript 2010, 165 S., ISBN 978-3-89942-555-3, € 18,80

Die Debatte um den politischen Einfluss des Word Wide Web, darunter vor allem der sogenannten ,sozialen Medien‘ bzw. des ,Web 2.0‘ hat in den vergangenen Jahren stark an Fahrt aufgenommen. Eine größere Öffentlichkeit wurde aus Anlass des Obama-Wahlkampfs 2008 auf das Thema aufmerksam, und 2009 machten die Web-basierten Proteste gegen die Wiederwahl des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad weltweit Schlagzeilen. Parallel ist vornehmlich in technischen und juristischen Fachkreisen eine intensive Diskussion um Datenschutz, Urheberrechte, Netzneutralität, Internet-Infrastruktur und die Dominanz bestimmter Anbieter wie Google und Facebook entbrannt.

Die Umwälzungen in der arabischen Welt seit Ende 2010 rücken die Fragen nach Macht, Widerstand und Demokratie im Netz erneut ganz oben auf die internationale politische Agenda. Die hier besprochenen drei Bücher sind ein erfreulicher Beleg dafür, dass die Wissenschaft in Deutschland die Debatte über Internet-Politik rechtzeitig aufgenommen hat und damit eine genuin europäische Perspektive auf das sonst vielfach US-amerikanisch dominierte Feld entwickelt. Ebenso lobenswert ist der Umstand, dass sich nicht mehr nur Informatiker und Juristen an der Diskussion beteiligen, sondern endlich auch Kultur- und Politikwissenschaftler.

Theo Röhle liefert mit seiner Dissertation über den Google-Komplex entscheidende Grundlagen für eine informierte Auseinandersetzung mit dem Thema. Er erläutert ebenso fundiert wie verständlich die Funktionsweise von Suchmaschinen im Allgemeinen und Google im Besonderen und spart dabei weder die zugrundeliegenden Geschäftsprinzipien noch technische Tricks und Kniffe aus. Stets fragt Röhle danach, wie die jeweiligen Verfahren die Aufbereitung von Informationen beeinflussen und wie sie sich auf individuelle Suchmaschinen-Nutzer sowie das gesellschaftliche Informationsklima auswirken.

Beispielhaft sei dafür die Analyse der Beziehung zwischen Google und den Suchmaschinenoptimierern genannt, also jenen, die Googles Algorithmen gezielt in ihrem Sinne zu beeinflussen versuchen. Google gibt den Gestaltern von Websites umfassende Anleitungen und Werkzeuge an die Hand, wie sie ihre Angebote suchmaschinenfreundlich gestalten können und Google dadurch letztlich die gewinnbringende Platzierung von Internet-Werbung erleichtern. Gleichzeitig ahndet der Suchmaschinenanbieter den Missbrauch solcher Methoden – im Zweifel schlicht dadurch, dass eine Website automatisiert aus den Suchergebnissen ausgeblendet und so für die Masse der Internet-Nutzer praktisch unauffindbar wird. Derartige Sanktionen können aber durchaus auch Websites treffen, die legitime Gründe haben, Googles Regeln nicht zu befolgen. Röhle diplomatisch dazu: „Eine Charakterisierung dieser Machtverhältnisse als demokratische Teilhabe erscheint aufgrund der Intransparenz der Entscheidungen auf der Ebene der Regelerstellung nicht plausibel.“ (S.98)

Ähnlich differenzierte und kenntnisreich begründete kritische Schlussfolgerungen über die Machtverhältnisse in der Google-Welt arbeitet Röhle anhand einer Vielzahl relevanter Kriterien und Funktionen heraus, mitunter bis an die Grenze zur Spitzfindigkeit. Da das Beispiel Google in der Regel jedoch vor allem zur Illustration bestimmter allgemeiner Techniken und Herangehensweisen dient, lässt sich sein Buch bereits jetzt als emanzipatorisches Standardwerk über Macht, Manipulation und die Situation von Nutzern in der Online-Gesellschaft lesen und bildet ein unverzichtbares Gegenstück etwa zu Jeff Jarvis‘ apologetischem Bestseller What Would Google Do? (New York 2009).

Auch Jan-Felix Schrape tritt in seiner Dissertation über die neue Demokratie im Netz an, gängige Thesen über das Internet und das Social Web einem Reality Check zu unterziehen. Hilft das Netz, so fragt er, tatsächlich dabei, gesellschaftliche Veränderungsprozesse durch breite aktive Partizipation der Bevölkerung in Gang zu setzen und das Modell des Politik-Machens ,von oben‘ abzulösen? Zur Beantwortung dieser Frage zieht er in erster Linie empirische Methoden in Gestalt einer Reihe von quantitativen Umfragen und Studien heran, darunter Daten des EU-Statistikbüros Eurostat, die regelmäßige ARD/ZDF-Onlinestudie und die Typologie der Wünsche Intermedia, eine der wichtigsten marketingorientierten Konsumentenbefragungen in Deutschland.

Er kommt zu dem Schluss, dass „die Möglichkeit einer vollständigen Substitution der [hergebrachten, E.K.] Massenmedien durch ‚demokratischere‘ Publikations- und Selektionsprozesse im Netz […] sowohl von den Online-Pionieren als auch von den Web 2.0-Evangelisten herbeigeschrieben“ worden sei (S. 206), sich aber in der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht oder allenfalls geringfügig belegen lasse.

Schrapes Arbeit ist vor den Ereignissen in Tunesien und Ägypten entstanden, und die internationale Debatte über die Rolle des Internets und der sozialen Medien in diesen und anderen Umwälzungen ist noch lange nicht entschieden. Skeptiker wie Evgeny Morozov (The Net Delusion, New York 2011) oder Andrew Keen (The Cult of the Amateur, New York 2008) tragen darüber einen heftigen Streit etwa mit den Online-Aktivisten im Umkreis des Berkman Center for Internet and Society in Harvard aus. Doch ungeachtet seiner berechtigten Relativierung greift Schrapes letztlich retrospektiver Ansatz zu kurz, denn wir befinden uns, wie er selbst einräumt, „noch immer in der Frühzeit der Online-Techniken“. (S.216) Aus dem derzeitigen Medienverhalten einer Bevölkerungsmehrheit lassen sich zwar Erkenntnisse über den aktuellen Entwicklungsstand gewinnen, jedoch nur schwerlich Schlussfolgerungen über die Tauglichkeit des Mitmach-Netzes für die zukünftige Weiterentwicklung der Demokratie ziehen. Trotz durchaus weitreichender theoretischer Herleitung leiden die Ergebnisse der Arbeit daher an ihrer zu positivistischen Datenbasis und daran, dass sie lediglich auf der Meta-Analyse bereits existierender Studien beruhen.

Anders bei Rainer Winter, bei dessen Buch es sich um die stark überarbeitete Fassung einer bereits 2004 erstellten Studie im Auftrag des Deutschen Bundestages handelt. Zwar ist Winter zweifellos den Netz-Aktivisten zuzurechnen, doch entfaltet er auf der Basis des Cultural-Studies-Ansatzes eine differenzierte Darstellung der Rahmenbedingungen eines politisch wirkungsmächtigen partizipativen Internets. Dabei verschließt er weder die Augen vor der immer noch beachtlichen Zahl von ,Nonlinern‘, noch vor verbreiteten Defiziten in Sachen Medienkompetenz oder der zunehmenden Fragmentierung, die durch den langsamen Wandel weg von klassischen Massenmedien entsteht.

Das Internet, so sein Fazit, erlaubt gleichwohl „die Artikulation unterschiedlicher alternativer Stimmen, Positionen und Perspektiven“ durch „marginalisierte, indigene und minoritäre Individuen und Gruppen, aber auch soziale und künstlerische Bewegungen.“ Dabei gebe es freilich „nicht das Internet, sondern unterschiedliche Artikulationsweisen, die ihren Ursprung offline haben“ (S. 144).

In diesem Zusammenhang interessiert er sich besonders dafür, wie Nichtregierungsorganisationen und andere aus Betroffenen oder auch Fans bestehende Gruppen eine transnationale politische Öffentlichkeit erzeugen – ein in dieser Form und Reichweite sicherlich neues Phänomen des Internet-Zeitalters. Die medienwirksamen Aktionen internationaler Organisationen wie z.B. von Greenpeace in den achtziger und neunziger Jahren erscheinen angesichts des heutigen grenzüberschreitenden Mobilisierungs- und Disseminationspotenzials online in der Tat geradezu bescheiden.

Der Charakter des Auftragsgutachtens ist dem schmalen Band allerdings auch nach der Überarbeitung erhalten geblieben. Winter geht es weniger um neue wissenschaftliche Erkenntnisse, als vielmehr um eine gründliche Bestandsaufnahme der Thematik (die sich auch in Form mehrerer, weitgehend überflüssiger Fallstudien äußert) und um die Ableitung konkreter Handlungsempfehlungen für die Politik.

Erschienen in Medienwissenschaft, H. 3/2011, S. 382-384

Continue Reading...

01 Mar 2011, Posted by Eric Karstens in Reviews, Television, 0 Comments

Joan K. Bleicher, Barbara Link, Vladislav Tinchev: Fernsehstil. Geschichte und Konzepte (Rezension)


Das Buch, dem man seinen Werkstattcharakter deutlich anmerkt, wirft weit mehr Fragen und Desiderate zum Thema Fernsehstil auf, als es selbst beantworten kann.

Continue Reading...

10 Jan 2011, Posted by Eric Karstens in Reviews, 0 Comments

Andreas Ettenhuber: Beschleunigung und Zäsuren im Fernsehprogramm (Rezension)


Anders als man zunächst vielleicht annehmen könnte, widmet sich Andreas Ettenhuber nicht dem Thema Audience Flow, sondern einer bis dato wenig erforschten Fragestellung, nämlich inwieweit Schnitte, thematische und stilistische Wechsel innerhalb von Sendungen mit Umschaltbewegungen korrelieren.

Continue Reading...

24 Jun 2010, Posted by Eric Karstens in Reviews, 0 Comments

Christine Meinhardt-Remy: Fernsehen und Ärger (Rezension)


Erstaunlich eigentlich, dass ein so offensichtliches und im wörtlichen Sinne abendfüllendes Thema wie der Zusammenhang von Fernsehen und Ärger nicht schon längst eingehend untersucht worden ist. Die Erziehungswissenschaftlerin Christine Meinhardt-Remy hat sich des Themas angenommen.

Continue Reading...

01 Jan 2010, Posted by Eric Karstens in Reviews, 0 Comments

Thomas Jäger, Henrike Viehrig (Hg.): Sicherheit und Medien (Rezension)


Thomas Jäger, Henrike Viehrig (Hg.): Sicherheit und Medien. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2009, 192 S., ISBN 978-3-531-16789-3, € 34,90

Das prekäre Verhältnis von Medien und Sicherheit ist eine grundlegende Herausforderung staatlicher oder regierungsamtlicher Kommunikation in freien, pluralistischen Gesellschaften. Zwischen konsensbasierter Einflussnahme auf die Öffentlichkeit einerseits und notwendiger Transparenz sowie kritischer Offenheit andererseits gilt es immer wieder aufs Neue eine Balance auszuhandeln. Was im normalen Alltag schon schwierig genug erscheint, erhält bei im engeren Sinne sicherheitspolitisch relevanten Themen eine erheblich größere Dimension.

Spätestens seit dem Vietnam-Krieg und nochmals verstärkt im Gefolge der Terroranschläge vom 11. September 2001, werden Medien als integraler Bestandteil von Sicherheitspolitik und im Spannungsfeld zwischen Sicherheitsinteressen und demokratischer Öffentlichkeit diskutiert. Wenn Presse und Rundfunk weder staatliche Propagandaorgane sind, noch sich aus freien Stücken einer Staatsraison unterwerfen, entwickeln sie eine besondere Ambiguität zwischen freier Information und der Gefahr, Konflikte aufzuschaukeln oder gar selbst zum eigentlichen Austragungsort von Auseinandersetzungen zu werden. Dies gilt erst Recht angesichts der weiter zunehmenden Internationalisierung der Medien. Pandemie-Berichterstattung ist ein Beispiel für diesen Zwiespalt; ein anderes sind etwa die weltweit verbreiteten Videobotschaften von Al Kaida.

Der Sammelband Sicherheit und Medien tritt an, dieses schwierige wissenschaftlich aufzuarbeiten. Die enthaltenen Aufsätze beleuchten eine breite Auswahl von Aspekten des Gegenstandes. Dabei reicht die Bandbreite von einer Untersuchung der Öffentlichkeitsarbeit des umstrittenen US-Militärdienstleisters ‚Blackwater‘ über die Informationspolitik bei Friedensmissionen der Vereinten Nationen bis hin zu einem Beitrag über Hooliganismus und Medien während der Fußballweltmeisterschaft 2006. Ergänzend hierzu finden sich Grundlagenartikel zur inneren Sicherheit unter den Bedingungen der Globalisierung und zum Spannungsfeld zwischen regulatorischen Eingriffen und freiwilliger Governance in der Krisenkommunikation.

So führt etwa Ibrahim Ahmadov aus, wie Nationalstaaten selbst in Sachen innenpolitischer Legitimität darauf angewiesen sind, ihre ‚soft power‘ auch außenpolitisch zur Geltung zu bringen. Politische Werte und Einstellungen müssen – nicht zuletzt durch die Medien – international so wirksam vermittelt werden, dass sie andere Staaten oder Gruppen auf Dauer überzeugen und nachhaltig für sich einnehmen. Das gilt ironischerweise für Staaten und kulturelle Gemeinschaften ebenso wie für den internationalen Terrorismus.

Christoph Rohde untersucht die öffentliche Kommunikation in Krisenfällen aus volkswirtschaftlicher Perspektive und fragt, wie durch regulierende Eingriffe negative externe Effekte vermieden werden können. Vor dem Hintergrund demokratischer Gesellschaften entwirft er ein Modell temporärer Regulierung: Staatliche Akteure sollen vorübergehend Informationen selektiv zurückhalten und die Meinungs- und Medienfreiheit einschränken dürfen, sofern die entsprechenden Manipulationen unmittelbar nach dem Ende der akuten Krisensituation zurückgenommen und aufgeklärt werden.

Gerade diese eher theoretischen Beiträge ragen qualitativ hervor. Trotz ihres zum Teil eher eindimensionalen Medienbildes gelingt es ihnen, den Zusammenhang von Sicherheit und Medien in seinen fundamentalen Aspekten kenntnisreich darzustellen und zumindest ansatzweise zu diskutieren, während die übrigen Aufsätze kaum über rein deskriptive Fallstudien hinausgehen. Die Zusammenstellung des Bandes wirkt denn auch eher zufällig und muss in der Einleitung der Herausgeber mühevoll begründet werden. So bleibt der wissenschaftliche Mehrwert des Buches leider begrenzt und spiegelt nicht das Niveau wieder, das die entsprechende Forschungsdebatte auf internationalem Parkett erreicht hat.

Erschienen in Medienwissenschaft, H. 1/2010, S. 58-59

Continue Reading...

01 Mar 2009, Posted by Eric Karstens in Reviews, 0 Comments

Martin Gläser: Medienmanagement (Rezension)


Martin Gläser: Medienmanagement. München: Vahlen Verlag, 2008, 1.080 S., ISBN 978-3-8006-2988-6, € 48,00

Man merkt diesem deutlich Buch an, dass sein Autor, Professor für Medienwirtschaft und Medienmanagement in Stuttgart, ein erfahrener Didaktiker der Grundlagen seines Faches ist. Der umfangreiche Band ist aufgebaut wie ein mehrsemestriges, systematisches Einführungsseminar: Jedes Kapitel beginnt mit inhaltlich-praktischen Leitfragen und einer kompakten Zusammenfassung der Relevanz des besprochenen Themas, geht dann mit Unterstützung zahlreicher grafischer Darstellungen, Listen und Tabellen auf seinen Gegenstand ein, und endet mit einem kurzen Überblick über die getroffenen Kernaussagen. Hinzu kommt jeweils ein ausführliches und aktuelles Verzeichnis weiterführender Literatur, das seinerseits nach Grundlagen, weiterführender Lektüre und Fallbeispielen geordnet ist.

Um die schiere Menge an Information überhaupt in einem Band unterbringen zu können, sahen sich Autor und Verlag offenbar gezwungen, Kompromisse bei der Optik zu machen: An vielen Stellen greifen sie auf kleinere Schriftarten zurück, anstatt diesem Lehrbuch ein größeres Format mit einem weniger dicht gedrängten Layout zu gönnen. Unter diesem Umstand leidet die Übersichtlichkeit; obwohl wichtige Begriffe fett gedruckt sind, fällt es schwer, sich einen schnellen Überblick zu verschaffen. Zu diesem Mangel an Orientierung trägt auch das Haupt-Inhaltsverzeichnis bei, das so abstrakt ist, dass Anfänger sich damit kaum zurechtfinden dürften. Erst am Beginn jeden Kapitels erschließt sich dessen Inhalt etwas ausführlicher.

Inhaltlich wendet Gläser eine Art Collage-Prinzip an. Eigene Erklärungen des Autors wechseln in schnellem Takt mit Paraphrasierungen einschlägiger Stellen aus der neuesten wissenschaftlichen Literatur und einer Vielzahl von ausführlichen wörtlichen Zitaten. Damit bleibt er dem Seminar-Prinzip treu und liefert eine Art Digest des Fachgebietes. Studienanfänger und Bachelor-Studierende brauchen sich dank Gläser nicht mit eigenem Literaturstudium aufzuhalten, um die Grundlagen des Medienmanagements und dessen wichtigste wissenschaftliche Protagonisten kennenzulernen. Da alle verwendeten Begriffe im Fließtext kurz erläutert werden, ist das Buch durchgängig ad hoc verständlich, allerdings kommt an einigen Stellen auch ein Gefühl von terminologischer Überfrachtung auf. Weniger wäre dabei bisweilen mehr gewesen. Auch hätte man sich häufigere Einblicke in das große Ganze des Faches gewünscht, doch dieser Aspekt kommt angesichts der in diesem Band vorherrschenden Detailfreude etwas zu kurz.

Neben der hohen Aktualität der hier verarbeiteten Fachliteratur – kaum ein zitiertes Werk ist vor dem Jahr 2000 erschienen und damit in der schnelllebigen Medienbranche auf dem neuesten möglichen Stand –, gehört die wirklich umfassende Abdeckung aller relevanten Themenbereiche jedoch zu den entscheidenden Pluspunkten dieses einführenden Handbuchs zum Medienmanagement.

Nur zwei Beispiele seien hier herausgegriffen: Im Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit der einschlägigen Literatur geht Gläser nicht nur explizit auf europäisches Recht ein, sondern erwähnt sogar das Protokoll zum Amsterdamer Vertrag von 1997, das nationalen öffentlich-rechtlichen Rundfunk in den EU-Mitgliedsstaaten im Grunde überhaupt erst möglich gemacht hat (S. 388f). Zuvor hatte die EU Rundfunk ausschließlich als Wirtschaftsunternehmen betrachtet. Und im Kapitel über „Planung und Kontrolle“ bricht der Autor das operative Management im Fernsehen bis auf die Ebene der Sendeablaufplanung und Sendeleitung herunter (S. 885). Damit geht er auch hier auf Feinheiten ein, die anderswo meist stärker spezialisierten Büchern vorbehalten sind und mit denen die Leser sonst vielleicht nie Bekanntschaft gemacht hätten.

Die technische und funktionale Vielfalt der Medienbranche wird ebenfalls adäquat abgebildet. Wo immer möglich, geht der Autor auf Managementprinzipien unabhängig von Mediengattungen ein und verzweigt seine Darstellung nur dort, wo es notwendig erscheint.

In Summe hat Martin Gläser ein Werk vorgelegt, das als Einführung ins Medienmanagement und als Wegweiser für die tiefergehende Auseinandersetzung mit einzelnen Themenbereichen ausgezeichnete Dienste leistet und in jede einschlägige Handbibliothek gehört. Es bleibt zu hoffen, dass es seine Nutzer darüber hinaus motiviert, die gelernten Details in ein kritisches big picture der Medienwirtschaft einzuordnen.

Erschienen in Medienwissenschaft, H. 3/2009, S. 264-265

Continue Reading...

01 Feb 2009, Posted by Eric Karstens in Reviews, 0 Comments

Matthias Bruhn, Kai-Uwe Hemken (Hg.): Modernisierung des Sehens (Rezension)


Matthias Bruhn, Kai-Uwe Hemken (Hg.): Modernisierung des Sehens. Sehweisen zwischen Künsten und Medien. Bielefeld: Transcript 2008, 371 S., ISBN 978-3-89942-912-1, € 29,80

Der vorliegende Sammelband entstand vor dem Hintergrund einer einflussreichen Studie des New Yorker Kunsthistorikers Jonathan Crary, Techniques of the Observer (Cambridge, MA 1990), in welcher der Wandel des Sehens im 19. Jahrhundert unter dem Einfluss damals neuartiger optischer Geräte untersucht wird. Die hier versammelten 21 Beiträge wirken dabei wie eine Wunderkammer kunst- und medientheoretischer Analysen; epochenübergreifende Aufsätze wechseln mit teils arkanen Einzelfallstudien, philosophische Betrachtungen mit strikt inhaltsanalytischen Herangehensweisen.

So weist etwa Hubert Locher darauf hin, dass der Begriff des künstlerisch-kreativen Originals erst durch die massenhafte mechanische Reproduktion von Bildern entstehen konnte. Zuvor galt der Kopist als letztlich mit dem ursprünglichen Schöpfer gleichwertiger Handwerker und sein Produkt nahm automatisch den gleichen Charakter von Einzigartigkeit an wie das Vorbild. Diese Verschiebung wirkt sich bis heute auf das Verhältnis der Kunstwissenschaft zu Original und Reproduktion aus, aber auch auf die gesellschaftliche Rolle etwa der Museen als Bewahrungsinstitutionen für Originale mit gesicherter Autorschaft.

Andere Autorinnen und Autoren greifen einzelne Werke exemplarisch heraus, um Wendepunkte oder typische Sehweisen zu erläutern, darunter die Ebstorfer Weltkarte (um 1300), die anatomischen Studien auf Leonardo da Vincis Weimarer Blatt (frühes 16. Jh.) oder die Schlossanlage von Versailles (Mitte des 17. Jh.). Dieser Reigen wird mehrfach aus eher naturwissenschaftlich-technischer Perspektive ergänzt und abgerundet. Angela Fischel berichtet z.B. anhand eines Mikroskopierbuches (1718) des Physikers Louis Joblot von der Faszination, welche das Erscheinungsbild von Insekten und Kleinstlebewesen in der Frühzeit der Mikroskopie auslöste, und Vera Dünkel beschreibt die Suche nach dem richtigen Umgang mit der damals just entdeckten Röntgen-Technologie im späten 19. Jahrhundert. Zeitgenössische Entwicklungen finden ihren Niederschlag unter anderem in Beiträgen zu Andy Warhol, dem Lichtkünstler Olafur Eliasson, oder dem Verschwinden des Fernseh-Testbildes.

Der Band hat, um im Bild zu bleiben, mit den Wunderkammern des Barock leider auch die Eigenschaft gemein, dass genuine Schätze Seite an Seite mit Kuriositäten und Artefakten unklarer Bedeutung stehen. Vielfach drängt sich der Eindruck auf, dass die Fallbeispiele mit Theorie und kulturhistorischer Bedeutung überfrachtet werden. Nicht jeder Holzschnitt, der typisch für seine Zeit ist, weist zugleich auch notwendigerweise exemplarische Qualitäten auf, und manch eine argumentative Volte bleibt lediglich das – ein Argument um seiner selbst willen. Diese schlaglichtartige Revue von Phänomenen des Sehens und der visuellen Welt-Bewältigung vom Mittelalter bis zur Gegenwart hätte deshalb von einer stärker fokussierten Auswahl der einzelnen Beiträge oder zumindest von der Aufnahme von Überblicksartikeln profitieren können, um den roten Faden der Anthologie nicht aus den Augen zu verlieren.

Erschienen in Medienwissenschaft, H. 2/2009, S. 133-134

Continue Reading...

01 Jan 2009, Posted by Eric Karstens in Reviews, Television, 0 Comments

Thomas Petzold: Gewalt in internationalen Fernsehnachrichten. Eine komparative Analyse medialer Gewaltpräsentation in Deutschland, Großbritannien und Russland (Rezension)


Das Buch zeigt die Grenzen von empirisch-inhaltsanalytischer Medienforschung auf. Der Aufwand ist sehr hoch, während zugleich die gewählte Stichprobe in mehreren Hinsichten bei weitem zu klein ist, um gültige Aussagen zu machen.

Continue Reading...

30 Sep 2008, Posted by Eric Karstens in Reviews, 0 Comments

Petra Schreiber: Der Einfluss von Lebensstilen auf die Medien-Nutzung (Rezension)


An Herkunft und finanziellen Verhältnissen kann man offenbar nahezu die gleichen Informationen über einen Mediennutzer ablesen wie an seinen Werten und Einstellungen. Wie die Autorin selbst konzediert, entwertet dieses Resultat jedoch keineswegs die Lebensstil- und Milieustudien.

Continue Reading...

05 Sep 2008, Posted by Eric Karstens in Reviews, Television, 0 Comments

Reshaping the American television market


Giving Gil Scott-Heron’s famous late 1960s song title a new twist, Amanda D. Lotz examines American television in the post-network era.

Continue Reading...