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30 Jun 2005, Posted by Eric Karstens in Reviews,Television, 0 Comments

Glen Creeber: Serial Television (Rezension)


Glen Creeber: Serial Television. Big Drama on the Small Screen. London: BFI Publishing 2004, 184 S., ISBN 1-84457-021-5, £ 15.99

Glen Creeber, Dozent für Film- und Fernsehwissenschaft an der Universität von Wales, ist Serien-Fan. Aus jeder Zeile seines essayistischen Buches spricht Enthusiasmus für diese Programmkategorie und das macht seine Arbeit zunächst schon einmal sympathisch. Creeber ist dabei in erster Linie angetreten, serielle Programmformen im Fernsehen gegen konservative Forscher und Kritiker zu verteidigen, denen auch heute noch das in sich abgeschlossene, einteilige Fernsehspiel der fünfziger bis siebziger Jahre als das Nonplusultra des Mediums erscheint und die Serien per se als trivial verurteilen. Im Gegenteil identifiziert der Autor gerade Serien als die spezifische dramatische Erzählform des Fernsehens, sind sie doch im Vergleich zum Fernsehspiel in der Lage, größere erzählerische Bögen zu schlagen: Ihre Handlungsstränge brauchen nicht in sich abgeschlossen zu sein, verlangen nicht notwendigerweise nach einer Auflösung oder gar einem Happy End und vermögen aus einer Vielzahl von Perspektiven zu erzählen. Dadurch, so Creeber, können sie sich in besonderem Maße der Lebenswelt und den Erfahrungsmustern ihrer Zuschauer annähern – ein Umstand, der den qualitativ hochwertigen Exemplaren des Genres eine besondere Wirkungsmacht verleiht.

Um dies zu belegen, führt der Autor insgesamt zwölf Beispiele aus Großbritannien, den USA, Dänemark und Deutschland an, darunter Roots (1977), Holocaust (1978), Heimat (1984), Twin Peaks (1990-91), The Sopranos (seit 1999), Queer as Folk (1999-2000) und Sex and the City (1998-2004). Dabei trägt er neben Hinweisen zu Inhalten, Ästhetik und Rezeption jeweils auch Informationen über den gesellschaftspolitischen Hintergrund ihrer Entstehung zusammen. Am überzeugendsten  gelingt dies im Fall der historischen Miniserien wie Roots und der provokanten, neueren Soaps wie Sex and the City: Beide programmlichen Strömungen reagieren auf soziale Trends und Bedürfnisse, beeinflussen aber ihrerseits wiederum sehr stark den öffentlichen Diskurs über die jeweiligen Themen, seien es die Auseinandersetzungen mit der nationalen Geschichte oder mit sexueller Identität und Erfahrung. Im Zusammenhang mit den anderen beiden Serien-Ansätzen, mit denen sich Creeber befasst, nämlich eher surrealen Erzählweisen nach dem Muster von Twin Peaks und neueren Krimiserien wie The Sopranos, bleibt seine Argumentation jedoch in der Feststellung stecken, dass die Programme ästhetische Innovationen erreicht haben.

Glen Creebers Herangehensweise ist insgesamt mehr feuilletonistisch als wissenschaftlich. Selbst dort, wo seine Plädoyers besonders eindrucksvoll wirken, mangelt es vielfach an Belegen, und das gesamte Buch krankt daran, dass ihm eine einheitliche Systematik fehlt. Der Autor riskiert argumentative Inkonsistenzen und operiert häufig mit unscharfen Definitionen; anstatt die untersuchten Serien so zu beschreiben und analysieren, dass auch Leser, die sie nicht selbst gesehen haben, Verständnis dafür entwickeln können, lässt er es bei Schlaglichtern bewenden. So interessant, erhellend und durchaus auch unterhaltend viele seiner Hinweise sein mögen – hinter dem in der deutschsprachigen Literatur erreichten wissenschaftlichen Kenntnis- und Diskussionsstand über Fernsehserien bleibt das Buch weit zurück. Aus hiesiger Sicht verwundert es daher ein wenig, dass das serielle Fernsehen in England so viel Verteidigung nötig haben soll.

Erschienen in Medienwissenschaft, Heft 2/2005, S. 254-255