http://wordpress.karstens.eu/wp-content/themes/press

30 Jun 2007, Posted by Eric Karstens in Reviews, 0 Comments

Golo Föllmer, Sven Thiermann (Hg.): Relating Radio (Rezension)


Golo Föllmer, Sven Thiermann (Hg.): Relating Radio. Communities, Aesthetics, Access. Beiträge zur Zukunft des Radios. Leipzig: Spector Books 2006, 336 S., ISBN 3-940064-80-7, € 12,-

Schon allein der Umstand, dass sich ein Buch dem Medium Radio aus einer breiter angelegten kulturwissenschaftlichen Perspektive nähert, verdient lobende Erwähnung. Während der überwiegende Teil aller Hörfunk-Literatur entweder rein kommerzielle Perspektiven einnimmt und/oder zur praktischen Ausbildung von Radiomachern dient, erlaubt der vorliegende Band, entstanden aus Anlass einer gleich betitelten Tagung in Halle im Oktober 2006, weit über den routinemäßigen Radio-Alltag hinaus reichende Einblicke.

Allerdings trifft die Unterzeile „Beiträge zur Zukunft des Radios“ den Inhalt nicht so ganz, denn tatsächlich kreist ein Großteil der Texte um die Vergangenheit des Hörfunks. Gleich der erste Beitrag stellt fest, „Radio was discovered before it was invented“ (S.25), und geht damit sogar ins Jahr 1876 zurück, als Alexander Graham Bells Mitarbeiter Thomas Watson am Hörer eines frühen Telefons zum ersten Mal elektromagnetische Störungen aus der Atmosphäre empfing. Andere Autoren zeichnen, wie Dieter Daniels, die letzten hundert Jahre Hörfunkgeschichte nach, oder liefern, wie Hans J. Kleinsteuber, auf der Suche nach der Zukunft des Radios ganz nebenbei eine klarsichtige Analyse des deutschen Debakels um das Digital Audio Broadcasting (DAB) ab.

Im Schwerpunkt ist der Band, der neben wissenschaftlichen Aufsätzen auch eine Reihe von feuilletonistischen und künstlerischen Beiträgen enthält, jedoch von Visionen des Hörfunks als Basis- und Bürgermedium sowie als Medium der Kunstproduktion inspiriert. Dabei reicht der sehr weit – vielleicht zu weit – gespannte Bogen von den freien Radios in der Nachwendezeit Ostdeutschlands über Beispiele von community radio in Ungarn oder Sambia bis hin zu mexikanischem Bildungshörfunk. Überblicksartikel wechseln sich mit Erfahrungsberichten aus der Praxis ab, durch deren alternativen Impetus man sich mitunter in die Kultur politischer Gegenöffentlichkeit der 70er und frühen 80er Jahre zurückversetzt fühlt. Die Kritik dieser Ansätze liefert das Buch freilich gleich mit: Philipp Dreesen und Ferenc Reinke unterziehen die Offenen Kanäle in Deutschland einem reality check aus der Sicht der potentiellen Nutzer und halten deren Protagonisten „Realitätsverweigerung“ (S.158) und „Betrug am engagierten Nutzer“ (S.159) vor. Das Bürgerradio müsse sich professionalisieren und an Relevanz gewinnen, wolle es nicht berechtigterweise mit dem Entzug seiner finanziellen Mittel und Frequenzen bestraft werden.

Erschienen in Medienwissenschaft, Heft 2/2007, S. 231-232