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31 Mar 2006, Posted by Eric Karstens in Reviews,Television, 0 Comments

Jonathan Bignell, Stephen Lacey (eds.): Popular Television Drama (Rezension)


Jonathan Bignell, Stephen Lacey (eds.): Popular Television Drama. Critical Perspectives. Manchester: Manchester University Press 2005, 230 S., ISBN 0-7190-6933-5, ₤ 14,99

Der Titel macht es schon deutlich: Dieser Band ist ausdrücklich dazu angetreten, jenen fiktionalen Programmformen des Fernsehens zu wissenschaftlicher Beachtung zu verhelfen, die bei den Zuschauern und nicht (nur) bei der Kritik besonders erfolgreich sind. Während sich die aus der Philologie abgeleitete Fernsehforschung sonst oft lieber mit bereits zu Kunst geadelten Sendungen befasst, wollen Bignell und Lacey hier eine Lanze für die Erforschung der kommerzielleren, alltäglicheren TV-Formate brechen. Neben Sitcoms spielen dabei z.B. auch triviale Melodramen eine wichtige Rolle; zugleich rücken so Programme ins Blickfeld, die sich inhaltlich und ästhetisch ausdrücklich an der massenhaften Nachfrage bestimmter soziodemografischer Zielgruppen wie Hausfrauen oder Kinder orientieren. Damit reiht sich dieses Buch in jene jüngere Strömung der britischen Medienwissenschaft ein, die sich intensiv mit den Genres und seriellen Formen des aktuellen Fernsehens auseinandersetzt, darunter die allesamt beim British Film Institute in London erschienenen Bände The Television Genre Book (2001) und Serial Television von Glen Creeber (2004, vgl. MEDIENwissenschaft 2/2005), die von Toby Miller edierten Television Studies (2003) oder der Band Quality Popular Television, herausgegeben von Mark Jancovich und James Lyons (2003).

Im Unterschied zu den genannten Büchern blenden Bignell und Lacey jedoch die auch für das britische Fernsehen bedeutenden und teilweise maßstabsetzenden importierten Formate vollständig aus und erweitern stattdessen die Perspektive auf ausgewählte historische Sendungen seit den 60er Jahren. Neben dem Lieblingsobjekt der UK-Serien-Analytiker, Queer as Folk (1999-2000), werden unter anderem die Arbeiterserie Clocking Off (2000-2003), die während des Zweiten Weltkriegs spielende Sitcom Dad’s Army (1968-1977) und die Comedy-Serie Butterflies (1978-1983) um eine Vorstadt-Hausfrau näher unter die Lupe genommen. Die Bandbreite der methodischen Herangehensweisen reicht dabei von klassischen Inhaltsanalysen über Zuschauerbefragungen und eher soziologisch inspirierten Studien bis hin zur Rekonstruktion der Produktionsbedingungen bei den Sendern.

Auf diese Weise wird ein Querschnitt von Forschungsansätzen sichtbar, dem freilich die gemeinsame Stoßrichtung fehlt. Am ergiebigsten ist das Buch überall dort, wo die Auseinandersetzung mit den gewählten Programmbeispielen allgemeine Ableitungen über die Funktionsweise von einzelnen Genres ermöglicht, wie etwa in Barry Langfords Beitrag zur Langzeit-Entwicklung von Sitcoms (vgl. S.15-33), oder wo die  Ergebnisse der einzelnen Studien mit dem aktuellen TV-Trend der Vermischung und Überschreitung von Genre-Konventionen zusammengeführt werden (mit dem hübschen Begriff der „generic leakiness“, S.219). Der Anspruch des Sammelbandes, gezielt den Blick auf von der Wissenschaft vernachlässigte Populär- und Trivialformen fiktionaler Fernsehangebote zu richten, wird jedoch kaum eingelöst. An den wenigsten Stellen stehen hier etwa eskapistische Unterhaltungsformate im Mittelpunkt des Interesses, sondern im Kern doch wieder Sendungen, welche die gesellschaftliche Selbstvergewisserung ihrer jeweiligen Zielgruppen gefördert haben bzw. fördern sollten – also letztlich die klassischen Gegenstände der britischen Fernsehwissenschaft.

Erschienen in Medienwissenschaft, Heft H. 1/2006, S. 94-95