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01 Feb 2009, Posted by Eric Karstens in Reviews, 0 Comments

Matthias Bruhn, Kai-Uwe Hemken (Hg.): Modernisierung des Sehens (Rezension)


Matthias Bruhn, Kai-Uwe Hemken (Hg.): Modernisierung des Sehens. Sehweisen zwischen Künsten und Medien. Bielefeld: Transcript 2008, 371 S., ISBN 978-3-89942-912-1, € 29,80

Der vorliegende Sammelband entstand vor dem Hintergrund einer einflussreichen Studie des New Yorker Kunsthistorikers Jonathan Crary, Techniques of the Observer (Cambridge, MA 1990), in welcher der Wandel des Sehens im 19. Jahrhundert unter dem Einfluss damals neuartiger optischer Geräte untersucht wird. Die hier versammelten 21 Beiträge wirken dabei wie eine Wunderkammer kunst- und medientheoretischer Analysen; epochenübergreifende Aufsätze wechseln mit teils arkanen Einzelfallstudien, philosophische Betrachtungen mit strikt inhaltsanalytischen Herangehensweisen.

So weist etwa Hubert Locher darauf hin, dass der Begriff des künstlerisch-kreativen Originals erst durch die massenhafte mechanische Reproduktion von Bildern entstehen konnte. Zuvor galt der Kopist als letztlich mit dem ursprünglichen Schöpfer gleichwertiger Handwerker und sein Produkt nahm automatisch den gleichen Charakter von Einzigartigkeit an wie das Vorbild. Diese Verschiebung wirkt sich bis heute auf das Verhältnis der Kunstwissenschaft zu Original und Reproduktion aus, aber auch auf die gesellschaftliche Rolle etwa der Museen als Bewahrungsinstitutionen für Originale mit gesicherter Autorschaft.

Andere Autorinnen und Autoren greifen einzelne Werke exemplarisch heraus, um Wendepunkte oder typische Sehweisen zu erläutern, darunter die Ebstorfer Weltkarte (um 1300), die anatomischen Studien auf Leonardo da Vincis Weimarer Blatt (frühes 16. Jh.) oder die Schlossanlage von Versailles (Mitte des 17. Jh.). Dieser Reigen wird mehrfach aus eher naturwissenschaftlich-technischer Perspektive ergänzt und abgerundet. Angela Fischel berichtet z.B. anhand eines Mikroskopierbuches (1718) des Physikers Louis Joblot von der Faszination, welche das Erscheinungsbild von Insekten und Kleinstlebewesen in der Frühzeit der Mikroskopie auslöste, und Vera Dünkel beschreibt die Suche nach dem richtigen Umgang mit der damals just entdeckten Röntgen-Technologie im späten 19. Jahrhundert. Zeitgenössische Entwicklungen finden ihren Niederschlag unter anderem in Beiträgen zu Andy Warhol, dem Lichtkünstler Olafur Eliasson, oder dem Verschwinden des Fernseh-Testbildes.

Der Band hat, um im Bild zu bleiben, mit den Wunderkammern des Barock leider auch die Eigenschaft gemein, dass genuine Schätze Seite an Seite mit Kuriositäten und Artefakten unklarer Bedeutung stehen. Vielfach drängt sich der Eindruck auf, dass die Fallbeispiele mit Theorie und kulturhistorischer Bedeutung überfrachtet werden. Nicht jeder Holzschnitt, der typisch für seine Zeit ist, weist zugleich auch notwendigerweise exemplarische Qualitäten auf, und manch eine argumentative Volte bleibt lediglich das – ein Argument um seiner selbst willen. Diese schlaglichtartige Revue von Phänomenen des Sehens und der visuellen Welt-Bewältigung vom Mittelalter bis zur Gegenwart hätte deshalb von einer stärker fokussierten Auswahl der einzelnen Beiträge oder zumindest von der Aufnahme von Überblicksartikeln profitieren können, um den roten Faden der Anthologie nicht aus den Augen zu verlieren.

Erschienen in Medienwissenschaft, H. 2/2009, S. 133-134