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01 Jan 2009, Posted by Eric Karstens in Reviews,Television, 0 Comments

Thomas Petzold: Gewalt in internationalen Fernsehnachrichten. Eine komparative Analyse medialer Gewaltpräsentation in Deutschland, Großbritannien und Russland (Rezension)


Thomas Petzold: Gewalt in internationalen Fernsehnachrichten. Eine komparative Analyse medialer Gewaltpräsentation in Deutschland, Großbritannien und Russland. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008, 137 S., ISBN 978-3-531-15962-1, € 29,90

Die Diskussion um Gewalt in den Medien und über die Auswirkungen des Gewaltkonsums auf das Publikum konzentriert sich zumeist auf unterhaltende bzw. fiktionale Genres. Vor allem Actionfilme und Games ziehen das Interesse von Forschung und Politik auf sich. Wesentlich geringere Beachtung finden dagegen Gewaltdarstellungen in informierenden Umfeldern. Mit seiner hier vorliegenden empirischen Analyse der Ausgaben von drei Fernseh-Hauptnachrichtensendungen in Deutschland (ARD/Tagesschau), Großbritannien (BBC/Ten O‘Clock News) und Russland (ORT/Vremja) in einer Beispielwoche im Frühjahr 2007 will Thomas Petzold diesem Mangel begegnen. Dabei ist die Berücksichtigung Russlands besonders hervorzuheben, denn viele andere Untersuchungen in diesem Bereich ziehen lediglich den anglo-amerikanischen Raum zu Vergleichszwecken heran.

Dennoch zeigt das Buch deutlich die Grenzen von empirisch-inhaltsanalytischer Medienforschung auf. Der Aufwand, den Petzold in Form von differenzierter Gewaltdefinition, inhaltlicher Codierung und statistischer Auswertung betreibt, ist sehr hoch, während zugleich die gewählte Stichprobe in mehreren Hinsichten bei weitem zu klein ist. Die ARD kann heute kaum als repräsentativ für das deutsche Fernsehen angesehen werden, und genauso wenig dürften auch die anderen beiden Sendungen die Gesamtsituation in den jeweiligen Ländern widerspiegeln. Auch der auf nur ein einziges Intervall beschränkte Untersuchungszeitraum führt, bedingt durch die zufällige Nachrichtenlage, zu Verzerrungen.

Nachteilig wirkt sich ferner der Umstand aus, dass offenbar keine Praktiker aus den Fernseh-Nachrichtenredaktionen konsultiert wurden. Dadurch läuft etwa ein mehrfach im Buch wiederkehrender Exkurs über medien- und kulturübergreifende Bildsprache ins Leere. Wenn die Sender in den verschiedenen Ländern auffallend oft identische Kameraeinstellungen von internationalen Ereignissen zeigen, hängt das in der Regel weniger mit bewussten oder unbewussten redaktionellen Entscheidungen zusammen, als vielmehr mit dem Umstand, dass schlichtweg alle das selbe Agenturmaterial verwenden.

Insgesamt hat der vorliegende Band den Charakter einer methodischen Fingerübung im Stil einer Diplomarbeit mit geringem wissenschaftlichem Ertrag. Valide Ergebnisse wären nur bei einem erheblich größer angelegten Forschungsprojekt zu erwarten gewesen und hätten zudem fundierten soziopsychologischen und politikwissenschaftlichen Input erfordert.

Erschienen in Medienwissenschaft, H. 1/2009, S. 71-82